Kennenlerngespräch

Aus Gartenwerker
Zur Navigation springen Zur Suche springen

Das Kennenlerngespräch ist das offene, nicht standardisierte Gespräch zwischen Ausbilder und Teilnehmenden (TN) zu Beginn einer BVB-Reha, mit dem zwei Dinge zugleich erreicht werden sollen: die TN als Menschen kennenzulernen und dabei zu erfahren, welche Handicaps sie mitbringen und welcher Antrieb sie zur Ausbildung im Garten- und Landschaftsbau geführt hat.

Kurz gesagt
Anders als standardisierte Verfahren wie hamet, MELBA oder IDA ist das Kennenlerngespräch bewusst offen gehalten – kein Test, kein Fragebogen, sondern ein echtes Gespräch. Es findet nicht an einem einzelnen Termin statt, sondern zieht sich fortlaufend durch die ersten Wochen, wahlweise im Einzelgespräch oder in der TN-Runde. Fachlich ist es ein biografieorientiertes Verfahren im Sinne des Fachkonzepts der Bundesagentur für Arbeit zur Kompetenzanalyse in der BVB.

Einordnung im Fachkonzept: ein biografieorientiertes Verfahren

Das Fachkonzept „Berufsvorbereitende Bildungsmaßnahmen – BvB 1 bis 3" der Bundesagentur für Arbeit schreibt für die Kompetenzanalyse zu Beginn jeder BVB ausdrücklich vor, dass psychometrische Testverfahren und Persönlichkeitstests nicht eingesetzt werden dürfen. Erlaubt und vorgesehen sind stattdessen handlungsorientierte, simulationsorientierte und biografieorientierte Verfahren – ergänzt durch optionale Tests zu schulischen Basiskompetenzen.

Das Kennenlerngespräch ist die praktische Umsetzung dieses biografieorientierten Bausteins: Statt einen Test auszuwerten, wird im Gespräch die eigene Lebens- und Berufsgeschichte der TN erschlossen – wer sie sind, was sie bisher erlebt haben, welche gesundheitlichen oder sonstigen Einschränkungen eine Rolle spielen und was sie antreibt.

Zwei Ziele zugleich

Das Kennenlerngespräch verfolgt zwei Ziele, die sich nicht widersprechen, sondern ergänzen:

  • Kennenlernen – die gegenseitige menschliche Basis, auf der jede weitere Zusammenarbeit aufbaut.
  • Grundlage für die individuelle Förderung – was im Gespräch über Handicaps, Belastungsgrenzen und persönliche Motivation deutlich wird, fließt direkt in die Frage ein, wie Unterricht und praktische Arbeit für die einzelne Person passend gestaltet werden können (siehe Förderplanung).

Formate: Einzelgespräch und TN-Runde

Das Kennenlerngespräch findet in zwei Formaten statt:

  • Einzelgespräch zwischen Ausbilder und einer einzelnen Teilnehmerin bzw. einem einzelnen Teilnehmer – geeignet gerade für Themen, die jemand nicht vor der Gruppe ansprechen möchte, etwa gesundheitliche Einschränkungen.
  • TN-Runde mit allen Teilnehmenden gemeinsam – hier entsteht oft ein Gespräch, das mehrere Personen gleichzeitig mitnimmt und zeigt, dass man mit bestimmten Themen nicht allein ist.

Beide Formate ergänzen sich; welches im Einzelfall passt, hängt vom Thema und von der jeweiligen Person ab.

Kein einmaliger Termin, sondern ein fortlaufender Prozess

Anders als etwa ein einmaliges Aufnahmegespräch ist das Kennenlerngespräch kein Termin, der einmal abgehakt wird. Es zieht sich fortlaufend durch die ersten Wochen der BVB-Reha – mal ein kurzer Austausch zwischendurch, mal ein längeres Gespräch, je nachdem, was ansteht und wie viel eine Person an einem bestimmten Tag von sich erzählen möchte. Vertrauen entsteht nicht auf Knopfdruck, und gerade bei Handicaps und persönlichen Beweggründen braucht es Zeit und wiederholte Gelegenheiten.

Dieser fortlaufende Charakter entspricht dem Grundgedanken, der auch der Förderplanung zugrunde liegt: Ein einmal erhobener Stand ist nur eine Momentaufnahme – die Ausgangslage einer Person wird laufend präzisiert, nicht einmalig festgeschrieben.

Ein offenes Gespräch statt Fragebogen

Bewusst verzichtet das Kennenlerngespräch auf einen festen Fragenkatalog oder ein standardisiertes Formular. Das unterscheidet es deutlich von den in Kompetenzfeststellung beschriebenen Instrumenten:

Kennenlerngespräch Standardisierte Verfahren (z. B. hamet, MELBA, Profil AC)
Struktur offen, ohne festen Fragenkatalog festgelegter Ablauf, oft mit Skalen/Merkmalskatalog
Erhebungsform Gespräch, biografieorientiert Arbeitsprobe, Beobachtung, standardisierter Test
Ziel Kennenlernen + Ausgangspunkt für Förderung vergleichbares, dokumentiertes Fähigkeits-/Anforderungsprofil
Häufigkeit fortlaufend, wiederholte Gelegenheiten meist einmalig oder zu festen Messzeitpunkten

Worüber gesprochen wird

Handicaps: mehr als eine Diagnose

Wenn im Kennenlerngespräch über Handicaps gesprochen wird, geht es nicht darum, eine Diagnose zu erfragen oder zu bewerten. Hilfreich ist dabei der Blick des bio-psycho-sozialen Modells der ICF (Internationale Klassifikation der Funktionsfähigkeit, Behinderung und Gesundheit): Eine Beeinträchtigung entsteht nie isoliert aus einer Körperfunktion allein, sondern immer im Zusammenspiel von Körperfunktionen, Aktivitäten, Teilhabe sowie personen- und umweltbezogenen Kontextfaktoren. Für das Gespräch heißt das konkret: Nicht nur „Was hat die Person?", sondern „Was bedeutet das für die Arbeit im GaLaBau, und welche Rahmenbedingungen helfen?"

Selbstauskünfte kritisch einordnen
TN beschreiben ihre eigenen Einschränkungen manchmal in eigenen Worten, die nicht mit einer fachärztlichen Diagnose übereinstimmen müssen. Eine solche Selbstauskunft sollte nicht ungeprüft als feststehende Diagnose übernommen werden, sondern – wo nötig – über die weitere Kompetenzfeststellung und ärztliche/psychologische Fachstellen eingeordnet werden, bevor sie zur Grundlage von Förderzielen gemacht wird.

Antrieb und Motivation

Die zweite große Frage ist der Antrieb: Warum ausgerechnet der Garten- und Landschaftsbau, warum diese BVB-Reha? Diese Beweggründe unterscheiden sich von Person zu Person völlig – von der Liebe zur Arbeit im Freien bis zum Wunsch, nach einem Bruch im eigenen Leben noch einmal neu anzufangen.

Für dieses Thema bietet sich ein Blick auf Motivational Interviewing (motivierende Gesprächsführung nach William R. Miller und Stephen Rollnick) an – ein Gesprächsansatz, der ursprünglich aus der Suchtberatung stammt und mittlerweile auch in Berufsvorbereitung und beruflicher Rehabilitation eingesetzt wird. Zentrale Grundsätze, die sich auf das Kennenlerngespräch übertragen lassen:

  • Ambivalenz (Motivation ist selten eindeutig „ja" oder „nein") wird als normal akzeptiert, nicht als Widerstand bekämpft.
  • Fragen und aktives Zuhören stehen im Vordergrund, nicht Überzeugungsversuche oder Ermahnungen.
  • Die Person soll ihre eigenen Gründe für eine Veränderung selbst aussprechen, statt sie vorgesetzt zu bekommen.

Hilfreiche Gesprächstechniken

Aus der eigenen ReZA-Weiterbildung (Modul Psychologie – Kommunikation) lassen sich mehrere Techniken direkt auf das Kennenlerngespräch übertragen:

Aktives Zuhören (nach Carl Rogers) läuft auf drei Ebenen gleichzeitig:

Ebene Leitfrage Beispieltechnik
Verbal Was wird gesagt? Zusammenfassen, Nachfragen, Spiegeln
Nonverbal Wie wird es gesagt? offene Körperhaltung, Blickkontakt, Nicken
Emotional Was steckt dahinter? Gefühl benennen, Empathie zeigen, keine vorschnellen Lösungen

Bei den Fragetechniken eignen sich für ein offenes Kennenlerngespräch besonders:

  • Offene Fragen („Wie", „Was") – geben Raum zum Erzählen, guter Gesprächseinstieg
  • Klärende Fragen – verhindern Missverständnisse, zeigen echtes Interesse
  • Hypothetische Fragen („Was wäre, wenn …?") – öffnen den Blick auf die eigene beruflich Zukunft
  • Triadische Fragen („Nenn mir drei Dinge …") – strukturieren die Antwort, ohne einzuengen

Suggestivfragen und ein enger Katalog geschlossener Fragen werden dagegen bewusst zurückhaltend eingesetzt – TN sollen im Kennenlerngespräch eigene Antworten entwickeln, nicht eine erwartete Antwort bestätigen.

Was mit den Ergebnissen passiert

Die Erkenntnisse aus dem Kennenlerngespräch werden nicht separat abgelegt, sondern fließen in die ganzheitliche Erfassung der Ausgangslage ein, wie sie auch der Förderplanung zugrunde liegt – über mehrere Ebenen gleichzeitig:

  • körperlich/gesundheitlich – Einschränkungen, Belastbarkeit
  • kognitiv/fachlich – Lern- und Leistungsvermögen
  • psychisch-emotional – Motivation, Selbstbild, Belastungen
  • sozial – familiäres Umfeld, soziale Netzwerke
  • lebenspraktisch/materiell – Wohnsituation, Mobilität, wirtschaftliche Absicherung

Das Kennenlerngespräch liefert dabei vor allem Hinweise für die psychisch-emotionale und die gesundheitliche Ebene, die sich anders kaum ebenso persönlich erheben lassen.

Vertraulichkeit
Wie bei jeder Erhebung persönlicher Informationen gilt: Es werden nur die Informationen erhoben und weitergegeben, die für die Förderplanung tatsächlich erforderlich sind – Datenschutz und Vertraulichkeit sind kein Zusatz, sondern fester Bestandteil eines guten Kennenlerngesprächs.

Abgrenzung zu verwandten Verfahren

Verfahren Leitfrage Form
Kennenlerngespräch Wer ist diese Person, welche Handicaps und welchen Antrieb bringt sie mit? offenes, fortlaufendes Gespräch
Kompetenzanalyse in der BVB Was kann die Person bereits, unter welchen Bedingungen? Kombination aus handlungsorientierten, simulationsorientierten und biografieorientierten Verfahren
Eignungsfeststellung Passt das ins Auge gefasste Berufsfeld tatsächlich? meist in BFW/BBW, bis zu drei Monate
Potenzialanalyse Wo liegen die Stärken allgemein, noch ohne Berufsbezug? meist schulisch, 7./8. Klasse

Das Kennenlerngespräch liefert damit einen Teil der Grundlage, auf der die umfassendere Kompetenzanalyse und die spätere Förderplanung aufbauen – ersetzt sie aber nicht.

Bezug zur Praxis

  • Ein offenes Kennenlerngespräch ersetzt keine strukturierte Kompetenzanalyse – aber ohne es fehlt die menschliche Grundlage, ohne die die beste Analyse wenig wert wäre.
  • Wer als Ausbilder nicht weiß, welche Handicaps jemand mitbringt und was diese Person antreibt, trifft selbst mit den besten Verfahren die falschen Förderentscheidungen.
  • Gerade bei Themen wie Handicaps lohnt es sich, sowohl das Einzelgespräch als auch die TN-Runde anzubieten – manches wird nur unter vier Augen, anderes lieber in der Gruppe angesprochen.
  • Selbstauskünfte zu vermeintlichen Diagnosen sollten grundsätzlich fachlich eingeordnet werden, bevor daraus Förderziele abgeleitet werden.

Quellen:

Verwandt