Kompetenzfeststellung
Die Kompetenzfeststellung ist der übergeordnete Begriff für pädagogische Verfahren, die jungen Menschen bzw. Rehabilitandinnen und Rehabilitanden gezielt Gelegenheit geben, ihre vorhandenen Kompetenzen selbst zu entdecken, bewusst zu machen und zu zeigen – anstatt sie klassisch abzuprüfen. Sie ist keine einzelne Methode, sondern eine ganze Familie von Verfahren, die je nach Zielgruppe und Kontext sehr unterschiedlich aussehen können.
Kurz gesagt
„Kompetenzfeststellung" ist der Dachbegriff – Potenzialanalyse, Eignungsfeststellung und die Kompetenzanalyse zu Beginn einer BVB sind jeweils konkrete Ausprägungen davon. In der beruflichen Rehabilitation kommen zusätzlich spezialisierte Instrumente wie MELBA und IDA zum Einsatz.
Kompetenzfeststellung als Oberbegriff
Je nach Lebensphase und Fragestellung tritt Kompetenzfeststellung unter anderem in folgender Form auf:
- Potenzialanalyse – meist schulisch verortet (7./8. Klasse), fragt allgemein nach Stärken und Interessen, noch ohne Bezug zu einem konkreten Beruf.
- Eignungsfeststellung – klärt gezielt, ob ein bereits ins Auge gefasstes Berufsfeld tatsächlich passt.
- Kompetenzanalyse in der BVB – zu Beginn jeder Berufsvorbereitenden Bildungsmaßnahme durchgeführte, umfassendere Feststellung beruflicher, persönlicher und sozialer Kompetenzen als Grundlage der individuellen Förderplanung.
Alle drei nutzen verwandte Verfahrenstypen (handlungsorientiert, biografieorientiert, Arbeitsproben), unterscheiden sich aber in Zeitpunkt, Tiefe und Zielsetzung.
Bekannte Verfahren im Überblick
Im schulischen und allgemeinen Berufsorientierungskontext hat sich eine ganze Reihe standardisierter Verfahren etabliert, für die einheitliche Qualitätsstandards des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) gelten:
| Verfahren | Kurzbeschreibung |
|---|---|
| hamet drei | Standardisiertes, handlungsorientiertes Testverfahren mit Varianten für unterschiedliche Zielgruppen, darunter hamet e für Menschen mit erhöhtem Förderbedarf (siehe Potenzialanalyse) |
| Profil AC | Assessment-Center-Verfahren zur Ermittlung überfachlicher und berufsbezogener Kompetenzen |
| KomPo7 | Beobachtung sozialer, personaler und methodischer Kompetenzen, in Hessen flächendeckend im Einsatz |
| KoJACK | Modulares Verfahren mit Bausteinen Basis, Potenzial, Praxis und Talent |
| Peakus | Ein- bis dreitägige Potenzialanalyse mit biografischem Arbeiten |
| Berufsnavigator | Vier-Modul-System mit Matching-Software |
| KomPASS | Speziell für Geflüchtete und Zugewanderte entwickelt |
| ProfilPASS | Dokumentationsinstrument für Kompetenzen aus allen Lebensbereichen, nicht nur Schule/Beruf |
Kompetenzfeststellung in der beruflichen Rehabilitation: MELBA und IDA
Für Menschen mit Behinderung hat sich neben den allgemeinen Verfahren ein eigenes, in Werkstätten, Berufsbildungswerken und Reha-Einrichtungen verbreitetes System etabliert: MELBA und das ergänzende IDA.
MELBA (Merkmalprofile zur Eingliederung Leistungsgewandelter und Behinderter in Arbeit) entstand Ende der 1980er Jahre an der Universität Siegen im Rahmen eines vom damaligen Bundesministerium für Arbeit und Sozialordnung geförderten Forschungsprojekts. Das Verfahren bildet sowohl Fähigkeitsprofile von Personen als auch Anforderungsprofile von Tätigkeiten anhand eines Katalogs von 29 Merkmalen ab – kognitive, soziale und psychomotorische Fähigkeiten ebenso wie Qualitäten der Arbeitsausführung und Kulturtechniken. Jedes Merkmal wird auf einer fünfstufigen Skala bewertet, sodass Fähigkeits- und Anforderungsprofil unmittelbar miteinander verglichen werden können.
IDA (Instrumentarium zur Diagnostik von Arbeitsfähigkeit) ergänzt MELBA um 14 standardisierte Arbeitsproben. Über die Bearbeitung dieser Aufgaben und die dabei erfolgende Verhaltensbeobachtung entsteht die empirische Grundlage für die Einstufung nach MELBA – erfasst werden kognitive und psychomotorische Fähigkeiten, die Art der Arbeitsausführung sowie Kulturtechniken und Kommunikation.
Varianten
„Melba SL" nutzt acht statt fünf Bewertungsstufen und ist für leistungsschwächere Personen ausgelegt. Das Zusatzmodul „Mai" ergänzt körperliche Fähigkeiten und ist mit dem verwandten System IMBA kompatibel.
MELBA/IDA sind kein Persönlichkeitstest
MELBA basiert auf strukturierter Verhaltensbeobachtung während konkreter Arbeitsproben (IDA), nicht auf Selbstauskunft oder psychometrischen Persönlichkeitsfragebögen. Das passt zur Vorgabe im Fachkonzept der BVB, wonach psychometrische Testverfahren und Persönlichkeitstests in der Kompetenzanalyse ausdrücklich nicht eingesetzt werden dürfen – handlungsorientierte, berufsbezogene Verfahren und Arbeitsproben dagegen schon.
Einordnung im Ausbildungsalltag
Eine strukturierte Kompetenzfeststellung gehört zum Handwerkszeug, das Ausbilder in der ReZA-Weiterbildung in einem eigenen Modul vermittelt bekommen. Wichtig für die Praxis ist dabei weniger die Kenntnis eines einzelnen Markenverfahrens als das Grundprinzip dahinter: Kompetenzen werden durch Beobachtung bei realistischen, handlungsorientierten Aufgaben sichtbar gemacht – nicht durch Abfragen oder Persönlichkeitstests.
Bezug zur Praxis
- „Kompetenzfeststellung" ist kein Synonym für ein bestimmtes Testverfahren, sondern der Oberbegriff – im Austausch mit Kolleginnen und Kollegen oder Kostenträgern lohnt sich die Nachfrage, welches konkrete Instrument gerade gemeint ist.
- Auch ohne formale MELBA-/IDA-Zertifizierung prägt das zugrunde liegende Prinzip – Beobachtung statt Persönlichkeitstest, Arbeitsprobe statt Fragebogen – den Alltag in der Kompetenzanalyse-Phase jeder BVB-Reha.
- Ergebnisse aus einer vorangegangenen Potenzialanalyse können in die eigene Kompetenzanalyse zu Beginn der BVB einfließen, ersetzen sie aber nicht – die BVB-eigene Kompetenzanalyse geht in Umfang und Tiefe deutlich darüber hinaus.
Quellen:
- ueberaus.de – Dossier Kompetenzfeststellung (Übersicht der Verfahren, BMBF-Qualitätsstandards)
- Wikipedia – MELBA (Fähigkeitsprofil)
- Bundesagentur für Arbeit – Fachkonzept Berufsvorbereitende Bildungsmaßnahmen BvB 1 bis 3, Stand April 2022