Persönlichkeitsstörungen
Persönlichkeitsstörungen sind tiefgreifende, über lange Zeit stabile Muster des Erlebens und Verhaltens, die deutlich von gesellschaftlichen Erwartungen abweichen und zu Leid oder Beeinträchtigungen führen – für die betroffene Person selbst oder in ihren Beziehungen. Sie entstehen meist aus dem Zusammenspiel genetischer Veranlagung und belastender Lebenserfahrungen.
Kurz gesagt
Persönlichkeitsstörungen werden derzeit weltweit neu gedacht: Statt fester „Typen" setzt die internationale Klassifikation zunehmend auf ein dimensionales Modell mit Ausprägungsgraden statt starrer Schubladen.
Grundlagen
| Merkmal | Angabe |
|---|---|
| ICD-10-GM (in Deutschland aktuell gültig) | F60 – Spezifische Persönlichkeitsstörungen, unterteilt in einzelne Typen wie Borderline (F60.31), ängstlich-vermeidend (F60.6), dissozial (F60.2) u. a. |
| ICD-11 (WHO, seit 2022) | grundlegend neu strukturiert: Es gibt nur noch die eine Diagnose „Persönlichkeitsstörung" (6D10) mit einer Schweregradeinstufung, ergänzt um fünf Merkmalsbereiche (u. a. Negative Affektivität, Distanziertheit, Dissozialität, Enthemmung, Zwanghaftigkeit). Die früheren Einzeltypen wie „dissozial" oder „schizoid" entfallen als eigene Diagnosen; einzig das Borderline-Muster kann weiterhin als Zusatzmerkmal angegeben werden |
| Häufigkeit | ca. 10–13 % der Bevölkerung (alle Formen zusammen) |
Was das praktisch bedeutet
In Deutschland wird aktuell noch nach ICD-10-GM kodiert, weshalb Begriffe wie „Borderline-Persönlichkeitsstörung" oder „dissoziale Persönlichkeitsstörung" im Alltag weiterhin gebräuchlich sind. International setzt sich aber zunehmend die Sichtweise durch, dass Persönlichkeit eher auf einem Spektrum verschiedener Ausprägungen liegt als in festen Kategorien.
Die Borderline-Persönlichkeitsstörung als Beispiel
Die Borderline-Persönlichkeitsstörung ist die in der beruflichen Rehabilitation am häufigsten relevante Form. Kennzeichnend sind unter anderem instabile Beziehungen, ein wechselhaftes Selbstbild, starke Impulsivität, schnelle Stimmungswechsel und ein hohes Maß an emotionaler Verletzlichkeit; bei einem Teil der Betroffenen kommt selbstverletzendes Verhalten hinzu.
Nach dem biosozialen Modell (Linehan) entsteht Borderline aus dem Zusammenspiel einer hohen biologischen emotionalen Empfindlichkeit und einem Umfeld, das diese Empfindlichkeit über längere Zeit missachtet oder nicht angemessen aufgefangen hat.
Selbstverletzung und Suizidalität
Hinweise darauf niemals bagatellisieren. Sofort sozialpädagogischen Dienst einbeziehen, bei akuter Gefährdung Notruf 112, bundesweite Telefonseelsorge 0800 111 0 111 (kostenfrei, rund um die Uhr).
Relevanz für die berufliche Rehabilitation
Persönlichkeitsmuster wie das Borderline-Muster zeigen sich im Ausbildungsalltag unter anderem in starken emotionalen Reaktionen auf Kritik oder Konflikte sowie in einer Beziehungsgestaltung, die zwischen sehr enger Bindung und abruptem Rückzug wechseln kann.
Umgang – allgemeine Grundsätze
- Verlässliche, klare Beziehung ohne Extreme – weder distanziert noch übermäßig eng
- Konsistente Regeln und Grenzen, ohne Ausnahmen, die zur Regel werden
- Bei emotionalen Eskalationen: Ruhe bewahren, kurze Auszeit ermöglichen, Sachthemen später klären
- Fachkräfte frühzeitig einbeziehen – Ausbilder sind keine Therapeuten
Rechtliche Grundlagen
| Norm | Bezug |
|---|---|
| § 2 SGB IX | Persönlichkeitsstörung als psychische Behinderung |
| § 117 SGB III | Zugang zur BvB-Reha |
| § 65 BBiG | Nachteilsausgleich bei Prüfungen |
Quellen:
- § 2 SGB IX – Begriffsbestimmung Behinderung
- § 117 SGB III – Zugang zur BvB-Reha
- § 65 BBiG – Nachteilsausgleich bei Prüfungen
- BfArM – ICD-10-GM
- Persönlichkeitsstörungen in ICD-11: Was sich geändert hat – Verhaltenstherapie, Karger
- Telefonseelsorge – kostenlose Krisenberatung, 0800 111 0 111